Kurz beantwortet: Aktien steigen langfristig, weil Anleger für das Tragen von unternehmerischem Risiko eine Entschädigung verlangen: die Aktienrisikoprämie. Schweizer Aktien haben seit 1900 rund 6,8 Prozent pro Jahr rentiert, Obligationen rund 3,9 Prozent. Aus 1’000 Franken wären mit Aktien rund 4 Millionen Franken geworden, mit Obligationen rund 125’000 Franken. Den Preis dafür zahlst Du in Form von Schwankungen, Geduld und Nerven.
Von Marco Eberle, Finanzplaner mit eidg. Fachausweis. Aktualisiert am 28. Oktober 2026.
Was ist die Risikoprämie?
Stell Dir zwei Anlagen vor. Die erste bringt garantiert 2 Prozent pro Jahr. Die zweite bringt ebenfalls 2 Prozent, aber nur im Durchschnitt: Mal steigt sie um 30 Prozent, mal fällt sie um 25 Prozent. Niemand würde die zweite Anlage wählen. Damit sie trotzdem Käufer findet, muss ihr Preis so weit sinken, bis die erwartete Rendite höher ist als die der sicheren Anlage. Diese Mehrrendite nennt man Risikoprämie.
Bei Aktien ist sie die Entschädigung dafür, dass Du Unternehmen Kapital zur Verfügung stellst, deren Zukunft niemand kennt. Sie ist kein Trick und keine Belohnung für Klugheit, sondern der Lohn für das Tragen von Risiko. An den Finanzmärkten gibt es nichts gratis, aber für dieses Risiko wirst Du langfristig sehr gut bezahlt.
Wie gross ist die Risikoprämie?
Für den Schweizer Kapitalmarkt gibt es Daten bis ins Jahr 1900 zurück:
| Seit 1900 | Aktien Schweiz | Obligationen Schweiz |
|---|---|---|
| Rendite pro Jahr, nominal | rund 6,8 % | rund 3,9 % |
| Rendite pro Jahr nach Teuerung (rund 2,1 %) | rund 4,6 % | rund 1,8 % |
| Schwankung pro Jahr | rund 18,5 % | rund 5 % |
| Aus 1’000 Franken wurden | rund 4 Millionen Franken | rund 125’000 Franken |
Ein Unterschied von knapp 3 Prozentpunkten pro Jahr klingt bescheiden. Über mehr als ein Jahrhundert macht der Zinseszins daraus einen Faktor von rund 30.
Durchschnittsrenditen sind selten
Die langfristige Durchschnittsrendite sagt wenig über ein einzelnes Jahr. Der Schweizer Aktienmarkt hat seit 1926 rund 7,7 Prozent pro Jahr erzielt. In den 98 Jahren bis 2023 lag die Jahresrendite aber nur 14-mal zwischen 5 und 10 Prozent. Am häufigsten waren Jahre mit mehr als 20 Prozent Plus: 28-mal. In 52 von 98 Jahren lag die Rendite über dem Durchschnitt, und rund zwei von drei Jahren waren positiv.
Auf der anderen Seite gab es Jahre wie 1974 oder 2008 mit Verlusten von über 30 Prozent und Phasen, in denen der Markt zehn Jahre kaum vom Fleck kam. Ein starkes Börsenjahr ist deshalb kein Warnsignal, sondern statistisch normal. Ebenso normal sind schwache Jahre.
Die drei Risiken, die Du tragen musst
- Schwankungsrisiko: Ein Jahr mit minus 15 oder minus 20 Prozent ist bei Aktien nichts Aussergewöhnliches. Ohne diese Schwankungen gäbe es keine Prämie: Wäre die Aktienrendite sicher, würden alle Aktien kaufen, bis sie nur noch so viel abwerfen wie ein Sparkonto.
- Zeitrisiko: Die Prämie wird nicht jährlich ausbezahlt, sondern über lange Zeiträume. Am Schweizer Aktienmarkt gab es seit 1926 keine Periode von 13 Jahren, in der man Geld verloren hätte. Investiere deshalb nur Geld, das Du mindestens zehn Jahre nicht brauchst.
- Emotionales Risiko: Das grösste Risiko ist meist der Anleger selbst. Wer in Krisen verkauft, verwandelt vorübergehende Schwankungen in dauerhafte Verluste und verpasst die Erholung.
Warum Aktien auch in Zukunft steigen dürften
Vergangene Renditen sind keine Garantie. Es gibt aber gute Gründe, weshalb die Risikoprämie bestehen bleibt:
- Fortschritt: Menschen ersetzen Technologien nie durch schlechtere. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue Medizin steigern die Produktivität.
- Unendliche Bedürfnisse: Solange Menschen nach mehr Wohlstand streben, wächst die Wirtschaft und mit ihr die Gewinne der Unternehmen.
- Schutz vor Teuerung: Unternehmen können steigende Kosten über höhere Preise weitergeben. Bargeld und Konten können das nicht.
- Wachsende Geldmenge: Notenbanken und Staaten weiten die Geldmenge laufend aus, besonders in Krisen. Dieses Geld fliesst langfristig in produktive Sachwerte.
- Mehr Anleger: Investieren war noch nie so einfach und günstig. Weltweit beteiligen sich immer mehr Menschen am Kapitalmarkt.
Der Markt hat immer recht
Die Börse preist nicht die Gegenwart ein, sondern die Erwartungen an die Zukunft. Deshalb können Aktien steigen, während die Wirtschaft schwächelt, und fallen, wenn die Nachrichten noch gut sind. In jedem Kurs steckt das Wissen von Millionen Marktteilnehmern, Algorithmen und Analysten. Wer den Markt schlagen will, müsste etwas wissen, das all diese Teilnehmer nicht wissen. Das gelingt kaum jemandem dauerhaft.
Für die meisten Anleger heisst das: Die Aufgabe ist nicht, den Markt zu schlagen, sondern seine Rendite möglichst vollständig einzustreichen.
So holst Du Dir die Risikoprämie ab
- Den ganzen Markt kaufen: Die Risikoprämie gilt für den Gesamtmarkt, nicht für einzelne Aktien. Breit gestreute ETFs bilden ihn ab. Diversifikation ist die einzige Gratisrendite an den Finanzmärkten.
- Kosten tief halten: Mit ETF-Portfolios für 0,1 bis 0,2 Prozent pro Jahr bleibt von einer realen Prämie von rund 4,5 Prozent fast alles bei Dir. Bei 2 Prozent Kosten bleibt nur noch etwas mehr als die Hälfte.
- Langfristig investiert bleiben: Zeit verwandelt Schwankungen in Rendite.
- Kern und Satelliten trennen: Im Kern passiv und breit investieren; Einzelaktien oder eigene Ideen haben in einem kleinen Satellitenteil Platz.
Einordnung aus der Praxis
Die Risikoprämie ist für mich das Fundament jeder Geldanlage. In Gesprächen erlebe ich oft, dass Schwankungen als Fehler des Systems wahrgenommen werden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Nervosität der anderen ist im Prinzip Dein Einkommen. Wer das verinnerlicht, schaut gelassener auf ein schwaches Börsenjahr und investiert konsequent weiter. Meine Kundinnen und Kunden und ich setzen den Kern deshalb passiv, breit gestreut und mit tiefen Kosten um.
Mehr dazu hörst Du in den Podcast-Folgen 155: Risikoprämie bei Aktien, 12: Warum Aktienkurse weiter steigen werden, 58: Die Stärke des Aktienmarktes ist erstaunlich normal und 85: Der Markt hat immer recht.
Häufige Fragen zur Risikoprämie
Was ist die Aktienrisikoprämie?
Die Mehrrendite, die Aktien im Vergleich zu risikoärmeren Anlagen wie Obligationen langfristig bieten. Sie entschädigt Anleger für Kursschwankungen und unternehmerisches Risiko.
Wie hoch ist die Rendite von Schweizer Aktien langfristig?
Seit 1900 rund 6,8 Prozent pro Jahr nominal und rund 4,6 Prozent nach Teuerung. Seit 1926 liegt der Durchschnitt bei rund 7,7 Prozent pro Jahr.
Warum steigen Aktien langfristig?
Weil Unternehmen wachsen, Gewinne steigern und Teuerung weitergeben können, und weil Anleger für das Tragen von Risiko eine Prämie verlangen.
Wie lange muss ich investiert sein, um keine Verluste zu machen?
Eine Garantie gibt es nicht. Historisch gab es am Schweizer Aktienmarkt seit 1926 keine Periode von 13 Jahren mit Verlust. Als Faustregel gelten mindestens zehn Jahre Anlagehorizont.
Kann man den Markt schlagen?
Einzelnen gelingt es zeitweise, dauerhaft aber nur sehr wenigen. Für die meisten ist es sinnvoller, die Marktrendite mit breit gestreuten, günstigen ETFs möglichst vollständig einzustreichen.
Weiterführend
Warum passive Anlagen meist besser abschneiden, erklärt der Artikel Aktiv oder passiv investieren. Wie stark der Zinseszins über Jahrzehnte wirkt, zeigt Zinseszins: So wird aus kleinen Beträgen eine Million. In der how2invest Academy lernst Du, ein breit gestreutes Portfolio mit tiefen Kosten aufzubauen.
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Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Die historischen Renditen beruhen auf langfristigen Auswertungen zum Schweizer Kapitalmarkt; vergangene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Stand: Oktober 2026.