Kurz beantwortet: Die passende Anlagestrategie ergibt sich nicht aus einem Risikofragebogen, sondern aus der Frage, wann Du das Geld brauchst. Teile Dein Vermögen in drei Töpfe: kurzfristig (bis 3 Jahre), mittelfristig (rund 4 bis 10 Jahre) und langfristig (über 10 Jahre). Der langfristige Topf gehört zum grössten Teil in breit gestreute Aktien, und das gilt in jeder Lebensphase, auch nach der Pensionierung.
Von Marco Eberle, Finanzplaner mit eidg. Fachausweis. Aktualisiert am 28. Oktober 2026.
Was eine Anlagestrategie leisten muss
Viele denken beim Investieren zuerst an Produkte: Aktien, ETFs, Immobilien oder Kryptowährungen. Zuerst braucht es aber einen Plan. Eine Anlagestrategie beantwortet die entscheidenden Fragen:
- Welchen Teil meines Vermögens investiere ich überhaupt?
- Wie verteile ich ihn auf Anlageklassen wie Aktien, Immobilien, Gold oder Obligationen?
- Wie gehe ich mit Kursschwankungen um?
- Wann passe ich die Strategie an, und wann stelle ich die ursprüngliche Aufteilung wieder her (Rebalancing)?
Eine klare Strategie schützt vor impulsiven Entscheidungen und gibt Orientierung, gerade wenn es an den Märkten turbulent wird.
Warum der Risikofragebogen oft in die falsche Richtung führt
Banken und Versicherungen sind verpflichtet, vor einer Anlageberatung das Risikoprofil zu erfassen. Typische Fragen lauten etwa: Wärst Du bereit, in einer schlechten Marktphase 40 Prozent Deines Vermögens zu verlieren? Kaum jemand antwortet mit Ja. Die Folge: Die meisten landen in Strategien mit Namen wie Ertrag, Ausgewogen oder Defensiv, und umgesetzt wird häufig mit einem teuren gemischten Fonds. Was dabei untergeht, ist die wichtigste Grösse überhaupt: die Zeit, die das Geld investiert bleiben kann.
Das Drei-Töpfe-Prinzip
Ich arbeite deshalb mit Geldtöpfen nach Anlagehorizont. Je länger das Geld Zeit hat, desto kleiner wird das Risiko, mit Aktien Geld zu verlieren.
| Topf | Anlagehorizont | Zweck | Umsetzung |
|---|---|---|---|
| 1 | bis 3 Jahre | Reserve, geplante Ausgaben | Konto, allenfalls Festgeld |
| 2 | rund 4 bis 10 Jahre | Mittelfristige Ziele, etwa Wohneigentum | Je nach Zinsumfeld Liquidität oder vorsichtig gemischte Anlagen |
| 3 | über 10 Jahre | Vermögensaufbau, Altersvorsorge, Erbe | Vorwiegend breit gestreute Aktien |
Solange Obligationen in Franken kaum Rendite bringen, halte ich sie für wenig attraktiv: Man trägt ein Zinsänderungsrisiko, ohne dafür angemessen entschädigt zu werden. Die Töpfe 1 und 2 bleiben dann weitgehend liquide. Umso wichtiger ist es, Topf 3 konsequent zu investieren, denn dort entsteht die Rendite, die den Kaufkraftverlust auf den anderen Töpfen ausgleicht.
Wie Topf 3 aussehen kann
Für den langfristigen Topf setze ich auf einen hohen Aktienanteil von rund 80 Prozent, breit verteilt:
- Schweizer Aktien: Ein substanzieller Teil für Anleger in Franken, aber nicht nur die drei Schwergewichte Nestlé, Novartis und Roche, sondern auch kleine und mittlere Unternehmen.
- Internationale Aktien: USA, Europa und weitere Märkte, ebenfalls über grosse und kleinere Unternehmen gestreut.
- Ergänzende Anlageklassen: Der Rest, etwa 20 Prozent, kann in Schweizer Wohnimmobilien, Gold und, für wen es passt, einen kleinen Anteil Bitcoin fliessen.
Mit einer solchen Aufteilung lässt sich langfristig eine Rendite im Bereich von 6 bis 7 Prozent pro Jahr erwarten, ohne Garantie und mit Schwankungen.
Eine Anlage-Lebensreise: das Beispiel Mia
Wie das Töpfe-Prinzip über ein ganzes Leben wirken kann, zeigt ein fiktives, aber realistisches Beispiel. Gerechnet ist mit 6,5 Prozent Rendite pro Jahr nach Kosten, ohne Steuern und Teuerung.
| Alter | Was passiert | Stand der Anlagen |
|---|---|---|
| 0 bis 20 | Die Eltern investieren 100 Franken pro Monat in ein Aktiendepot für Mia. | rund 49’000 Franken bei 24’000 Franken Einzahlungen |
| 20 | Mia gönnt sich für 10’000 Franken eine Weltreise und lässt den Sparplan weiterlaufen. | rund 39’000 Franken |
| 25 | Erste Lohnerhöhung: zusätzlich 500 Franken pro Monat in eine Säule 3a mit Aktien, 10’000 Franken einmalig investiert, 10’000 Franken bleiben als Reserve. | Depot rund 61’000 Franken |
| 35 | Kauf einer Eigentumswohnung für 800’000 Franken. Eigenmittel aus Schenkung, Säule 3a und Ersparnissen. | Depot rund 134’000 Franken, 3a rund 84’000 Franken vor dem Vorbezug |
| 40 | Karrieresprung: Sparplan von 100 auf 500 Franken, Säule 3a auf 600 Franken pro Monat. | Depot rund 192’000 Franken, 3a rund 74’000 Franken |
| 65 | Pensionierung. | Gesamt rund 2,3 Millionen Franken |
Bei der Pensionierung legt Mia rund eine Million als Reserve für die ersten Jahre zur Seite und lässt den Rest investiert, denn auch mit 65 hat ein Teil des Geldes noch 20 Jahre und mehr Zeit. Dieser Teil wächst bis 80 auf über drei Millionen Franken. Das Beispiel ist bewusst positiv, aber es zeigt drei Dinge: wie wertvoll ein früher Start ist, wie wichtig es ist, Lohnerhöhungen teilweise zu investieren, und dass die Strategie auch im Ruhestand nicht endet.
Anlagestrategie in den Lebensphasen
- Kindheit und Ausbildung: Eltern, Grosseltern, Gotte oder Götti legen mit kleinen monatlichen Beträgen das Fundament. Der Anlagehorizont ist ideal lang.
- Berufseinstieg: Reserve aufbauen, Sparplan einrichten, Säule 3a mit Wertschriften beginnen.
- Familie und Wohneigentum: Mittelfristige Ziele in Topf 2 planen, den langfristigen Teil trotzdem weiter investieren.
- Karrierehöhepunkt: Höhere Einkommen gezielt in den Vermögensaufbau lenken statt in einen teureren Lebensstil.
- Pensionierung: Die Töpfe neu ordnen. Geld für die nächsten Jahre liquide halten, alles, was erst in 10 oder 20 Jahren gebraucht wird, investiert lassen.
Einordnung aus der Praxis
In Beratungen sehe ich häufig Strategien, die aus einem Fragebogen entstanden sind und nicht zum tatsächlichen Anlagehorizont passen. Gerade bei Pensionierten liegt oft zu viel Geld auf dem Konto, obwohl ein Teil davon noch Jahrzehnte Zeit hätte. Mit dem Töpfe-Prinzip wird sichtbar, wie viel Geld wirklich kurzfristig gebraucht wird und wie viel langfristig für einen arbeiten kann. Das gibt Sicherheit, auch wenn die Börsen einmal fallen.
Mehr dazu hörst Du in den Podcast-Folgen 94: Die perfekte Anlagestrategie und 126: So könnte eine Anlage-Lebensreise aussehen.
Häufige Fragen zur Anlagestrategie
Was ist eine Anlagestrategie?
Ein langfristiger Plan, wie Du Dein Vermögen auf Anlageklassen verteilst, abgestimmt auf Deine Ziele, Deine Risikofähigkeit und vor allem auf den Zeitpunkt, wann Du das Geld brauchst.
Wie viel Prozent Aktien sind sinnvoll?
Das hängt vom Anlagehorizont ab. Für Geld, das Du in den nächsten Jahren brauchst, wenig oder keine. Für Geld mit mehr als zehn Jahren Zeit kann ein Aktienanteil von 80 Prozent und mehr sinnvoll sein.
Was ist das Drei-Töpfe-Prinzip?
Das Vermögen wird nach Anlagehorizont aufgeteilt: Topf 1 für die nächsten ein bis drei Jahre, Topf 2 für rund vier bis zehn Jahre und Topf 3 für alles, was länger als zehn Jahre Zeit hat. Jeder Topf wird passend zu seinem Horizont angelegt.
Soll ich nach der Pensionierung noch in Aktien investieren?
Ja, mit dem Teil des Vermögens, der erst in zehn oder mehr Jahren gebraucht wird. Bei einer Lebenserwartung von 20 Jahren und mehr nach der Pensionierung ist ein Teil des Geldes noch sehr langfristig.
Wie oft sollte ich meine Anlagestrategie überprüfen?
Mindestens einmal pro Jahr und bei grösseren Lebensereignissen wie Familiengründung, Wohneigentum, Stellenwechsel oder Pensionierung. Ein Rebalancing stellt die gewünschte Aufteilung wieder her.
Weiterführend
Wie Du mit einem Sparplan startest, zeigt der Artikel ETF-Sparplan. Warum gemischte Strategiefonds selten die beste Umsetzung sind, erklärt Gemischte Anlagefonds und Gebühren. In der how2invest Academy legst Du Deine persönliche Anlagestrategie Schritt für Schritt fest und setzt sie mit ETFs um.
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Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Das Beispiel Mia ist fiktiv und beruht auf einer angenommenen Rendite von 6,5 Prozent pro Jahr nach Kosten, ohne Steuern und Teuerung; vergangene oder angenommene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Stand: Oktober 2026.