Kurz beantwortet: Die teuersten Fehler bei der Geldanlage sind selten falsche Produkte, sondern falsches Verhalten: gar nicht oder zu spät investieren, zu hohe Kosten, fehlende Streuung und Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Dahinter stecken psychologische Fallen wie Herdenverhalten, Verlustaversion oder Selbstüberschätzung. Der wirksamste Schutz ist ein schriftlicher Anlageplan mit festen Regeln, der auch in turbulenten Phasen gilt.
Von Marco Eberle, Finanzplaner mit eidg. Fachausweis. Aktualisiert am 28. Oktober 2026.
Die elf häufigsten Fehler bei der Geldanlage
- Nicht investieren: Geld auf dem Sparkonto verliert real an Wert, sobald die Teuerung höher ist als der Zins. Nur rund die Hälfte der Schweizer Haushalte investiert an der Börse, obwohl wir alle täglich Produkte börsenkotierter Unternehmen konsumieren.
- Zu spät beginnen: Für den Start ist es nie zu spät, aber früher ist besser. Wer 20 Jahre lang 500 Franken pro Monat bei 7 Prozent anlegt, kommt auf rund 260’000 Franken. Wer zwei Jahre später beginnt, hat nach 18 Jahren rund 215’000 Franken, also gut 45’000 Franken weniger.
- Nicht hinterfragen: Drei Fragen helfen bei jedem Investment: Verstehe ich, worin ich investiere? Passt es zu meinen Zielen? Dient es mir oder vor allem dem Anbieter?
- Fehlendes Wissen: In Umfragen nennen viele Schweizerinnen und Schweizer fehlendes Wissen als Hauptgrund, nicht zu investieren. Finanzielle Bildung zahlt sich ein Leben lang aus.
- Kurzfristig denken: Investieren ist ein Marathon, kein Sprint. André Kostolanys bekannter Rat, Aktien zu kaufen und sie dann viele Jahre nicht mehr anzuschauen, trifft den Kern.
- Glauben, es brauche viel Geld: Schon 100 Franken pro Monat wachsen bei 7 Prozent über 30 Jahre auf rund 122’000 Franken, bei Einzahlungen von 36’000 Franken.
- Hohen Renditeversprechen glauben: Angebote zum schnellen Reichwerden sind fast immer unseriös. An der Börse gibt es keinen Free Lunch; Rendite ist die Entschädigung für eingegangenes Risiko.
- Kosten unterschätzen: 10’000 Franken wachsen bei 7 Prozent Bruttorendite über 20 Jahre mit 0,2 Prozent Kosten auf rund 37’300 Franken, mit 2 Prozent Kosten nur auf rund 26’500 Franken.
- Gefühle statt Fakten: Emotionale Entscheidungen, etwa Verkäufe in der Panik, gehören zu den teuersten Fehlern überhaupt.
- Alles auf eine Karte setzen: Wer nur wenige Einzeltitel hält, trägt unnötige Risiken. Breite Streuung reduziert das Risiko, ohne die erwartete Rendite zu schmälern.
- Auf Modethemen setzen: Wenn ein Thema in allen Medien ist, ist es meist schon im Kurs enthalten. Wer spät auf einen Trend aufspringt, kauft oft zu teuer.
Warum wir Fehler machen: Behavioral Finance
Die klassische Finanztheorie ging lange davon aus, dass Anleger rational handeln. Seit den 1970er-Jahren zeigen die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, dass Menschen in Faustregeln denken, die zwar oft helfen, aber systematisch zu Fehlern führen. Der Ökonom Richard Thaler übertrug diese Erkenntnisse auf die Finanzmärkte und erhielt dafür 2017 den Nobelpreis für Wirtschaft. Heute nutzen Banken, Fondsmanager und Robo-Advisor diese Erkenntnisse, um Strategien robuster zu machen.
Sechs psychologische Fallen und wie Du sie erkennst
| Falle | Was passiert | Gegenmittel |
|---|---|---|
| Herdenverhalten (FOMO) | Man kauft, weil alle kaufen, oft am Hochpunkt eines Trends | Geschäftsmodell und Bewertung prüfen, nicht der Schlagzeile folgen |
| Verlustaversion | Verluste schmerzen etwa doppelt so stark wie Gewinne freuen; Gewinner werden zu früh verkauft, Verlierer zu lange gehalten | Fragen: Würde ich diese Position heute wieder kaufen? |
| Ankereffekt | Man wartet, bis der Einstandspreis wieder erreicht ist | Der Markt kennt Deinen Kaufpreis nicht; zählen tut nur die Zukunft |
| Geldwertillusion | Man denkt in nominalen Beträgen und übersieht die Teuerung | Immer real rechnen: Zins minus Teuerung |
| Selbstüberschätzung | Man glaubt, den Markt schlagen zu können, und handelt zu viel | Die eigene Rendite mit einem Vergleichsindex messen |
| Bestätigungsfehler | Man sucht Informationen, die die eigene Meinung stützen | Bewusst nach Gegenargumenten suchen |
Die Beispiele sind zahlreich: Solar- und Nachhaltigkeitsaktien haben nach dem Hype teilweise über 80 Prozent verloren. Aktionäre von Swissair und Credit Suisse hielten oft bis zuletzt, in der Hoffnung auf eine Erholung. Und wer Geld in der Säule 3a auf dem Konto liegen lässt, wählt bewusst oder unbewusst die Anlageklasse Liquidität und damit einen schleichenden Kaufkraftverlust.
So schützt Du Dich vor teuren Fehlern
- Anlageplan schreiben: Ziele, Anlagehorizont, Risikofähigkeit und Aktienquote schriftlich festhalten.
- Regeln für Krisen festlegen: Vorher bestimmen, ob und wie viel Du bei Rückschlägen nachkaufst, und Dich daran halten.
- Breit streuen: Mit wenigen breit gestreuten ETFs investierst Du in tausende Unternehmen.
- Automatisieren: Ein Sparplan nimmt Dir das Timing ab und nutzt Schwankungen über den Durchschnittskosteneffekt.
- Kosten tief halten: Laufende Kosten sind entgangene Rendite.
- Nur langfristiges Geld investieren: Wer das Geld bald braucht, verkauft im falschen Moment.
Warren Buffett hat es so zusammengefasst: Erfolg beim Investieren hängt nicht vom IQ ab, sondern von der Fähigkeit, ruhig zu bleiben.
Einordnung aus der Praxis
Nach über 25 Jahren an den Finanzmärkten ertappe ich mich selbst immer wieder dabei, in eine dieser Fallen zu tappen. Wir sind Menschen, keine Maschinen. Deshalb setze ich nicht auf Willenskraft, sondern auf Regeln: eine klare Strategie, ein breit gestreutes Kernportfolio und einen vorher festgelegten Plan für Kursrückgänge. Gerade in schwachen Börsenphasen machen Anleger die meisten Fehler; dann lohnt es sich, diese Liste wieder hervorzunehmen.
Mehr dazu hörst Du in der Podcast-Folge 11: Die 11 grössten Fehler bei der Geldanlage und in der Podcast-Folge 122: Psychologische Fallen beim Investieren.
Häufige Fragen zu Anlegerfehlern
Was ist der grösste Fehler bei der Geldanlage?
Gar nicht zu investieren. Wer sein Geld langfristig auf dem Konto lässt, verliert real an Kaufkraft, sobald die Teuerung höher ist als der Zins.
Was ist Behavioral Finance?
Behavioral Finance untersucht, wie psychologische Faktoren Anlageentscheidungen beeinflussen. Sie zeigt, dass Anleger systematisch von rationalem Verhalten abweichen, etwa durch Herdenverhalten oder Verlustaversion.
Was ist Verlustaversion?
Verlustaversion beschreibt, dass Verluste etwa doppelt so stark schmerzen, wie gleich hohe Gewinne Freude machen. Sie führt dazu, dass Anleger Verlierer zu lange halten und Gewinner zu früh verkaufen.
Wie vermeide ich emotionale Fehlentscheidungen?
Mit einem schriftlichen Anlageplan, festen Regeln für Kursrückgänge, breiter Streuung und einem automatischen Sparplan. So musst Du in schwierigen Phasen nicht neu entscheiden.
Ist es zu spät, mit 50 noch zu investieren?
Nein. Auch mit 50 bleiben oft 15 bis 30 Jahre Anlagehorizont, etwa bis zur Pensionierung und darüber hinaus. Früher zu beginnen ist besser, aber spät zu beginnen ist besser als nie.
Weiterführend
Wie Du in sechs Schritten startest, zeigt der Grundlagenartikel Geld anlegen in der Schweiz. Wie Du mit Kursrückgängen regelbasiert umgehst, erklärt der Artikel Antizyklisch investieren. In der how2invest Academy baust Du das Wissen auf, um Deine Strategie selbst festzulegen und umzusetzen.
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Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Die Rechenbeispiele beruhen auf Annahmen; vergangene oder angenommene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Stand: Oktober 2026.