Kurz beantwortet: Antizyklisch investieren heisst, dann zu kaufen, wenn die Kurse gefallen sind und die Stimmung schlecht ist. Den perfekten Tiefpunkt trifft niemand, deshalb funktioniert der Ansatz nur mit festen Regeln: Das Kernportfolio bleibt immer investiert, und eine zusätzliche Reserve wird in Tranchen eingesetzt, etwa bei rund 10, 20 und 30 Prozent Kursrückgang. Für den Einstieg ins Investieren ist ein regelmässiger Sparplan die bessere Wahl.
Von Marco Eberle, Finanzplaner mit eidg. Fachausweis. Aktualisiert am 28. Oktober 2026.
Was heisst antizyklisch investieren?
Antizyklische Anleger, auch Contrarians genannt, handeln gegen die Stimmung der Mehrheit. Sie kaufen, wenn viele verunsichert sind und verkaufen, und sie bleiben zurückhaltend, wenn die Euphorie gross ist. Die Idee dahinter: Aktienmärkte verlaufen in Zyklen. Auf lange Aufwärtsphasen folgen Korrekturen und Bärenmärkte, und gerade in Phasen grosser Angst sind gute Unternehmen oft deutlich günstiger zu haben.
Die meisten Anleger verhalten sich jedoch prozyklisch. Sie steigen ein, wenn die Kurse bereits stark gestiegen sind und die Medien positiv berichten, und sie zögern oder verkaufen, wenn die Märkte fallen. Der Grund liegt in unseren Emotionen: Die Angst, etwas zu verpassen, treibt uns in steigende Märkte, die Angst vor Verlusten hält uns in fallenden Märkten zurück.
Wie oft fallen die Aktienmärkte?
Kursrückgänge sind kein Ausnahmefall, sondern gehören zum Aktienmarkt. Historisch gilt grob:
| Rückgang | Bezeichnung | Häufigkeit (historischer Durchschnitt) |
|---|---|---|
| 5 bis 10 Prozent | Rücksetzer | zwei- bis dreimal pro Jahr |
| 10 bis 20 Prozent | Korrektur | etwa einmal pro Jahr |
| über 20 Prozent | Bärenmarkt | etwa alle fünf bis sieben Jahre |
Wer das weiss, wird von einem Rückgang weniger überrascht. Wer investiert bleibt, wird langfristig mit der Aktienrisikoprämie entschädigt; über viele Jahrzehnte lag die Rendite breit gestreuter Aktienportfolios bei rund 7 Prozent pro Jahr.
Warum Market Timing fast nie funktioniert
Klassische Contrarians versuchen, am Hoch zu verkaufen und am Tief wieder einzusteigen. Das gelingt in der Praxis kaum. Wer verkauft, tut das meist zu früh und verpasst danach oft jahrelange Aufwärtsphasen. Wer bei einer Korrektur einsteigt, erlebt nicht selten, dass die Kurse noch deutlich weiter fallen.
Dazu kommt ein statistischer Effekt: Die besten Börsentage liegen häufig mitten in Phasen grosser Unsicherheit, oft nur wenige Tage nach den schlechtesten. Auswertungen über rund 20 Jahre zeigen, dass schon das Verpassen der zehn besten Handelstage die jährliche Rendite ungefähr halbiert. Wer aussteigt, um Verluste zu vermeiden, verpasst genau diese Tage mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Antizyklisch investieren mit Regeln: so gehe ich vor
Antizyklisch investieren ist für mich kein Ersatz für die Grundstrategie, sondern eine Ergänzung. Das Kernportfolio verkaufe ich grundsätzlich nie. Zusätzlich halte ich eine Reserve, die ich nach klaren Regeln einsetze, wenn die Märkte deutlich gefallen sind.
- Notreserve bleibt unangetastet: Geld für Unvorhergesehenes gehört nicht an die Börse, auch nicht in einer Krise.
- Kernportfolio bleibt investiert: Die langfristige Strategie läuft unabhängig von der Marktlage weiter, idealerweise mit einem Sparplan.
- Zusätzliche Reserve festlegen: Ein Betrag, den Du bewusst für Kaufgelegenheiten bereithältst und langfristig nicht brauchst.
- In Tranchen kaufen: Zum Beispiel ein Drittel bei rund 10 Prozent Rückgang, ein Drittel bei 20 Prozent und ein Drittel bei 30 Prozent oder bei extremer Panik.
- Regeln vorher aufschreiben: In der Krise selbst fehlt fast allen die Ruhe, um neu zu entscheiden. Ein Plan nimmt die Emotionen aus der Entscheidung.
Der Vorteil dieser Staffelung: Du musst den Tiefpunkt nicht treffen. Fallen die Kurse weiter, kaufst Du günstiger nach; erholen sie sich früh, hast Du bereits einen Teil investiert.
Welche Indikatoren helfen?
Gier und Angst lassen sich nicht exakt messen, aber es gibt Hinweise, in welcher Phase sich der Markt befindet:
- Drawdown: Wie weit liegt der Markt unter seinem letzten Höchststand?
- Volatilitätsindex VIX: Steigt er stark an, ist die Unsicherheit gross.
- Stress am Kredit- und Obligationenmarkt: Steigende Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen zeigen Anspannung.
- Fear and Greed Index: Fasst mehrere Stimmungsindikatoren zusammen.
- Put-Call-Ratio: Viele Absicherungen gegen fallende Kurse deuten auf Angst hin.
Kein Indikator sagt den Tiefpunkt voraus. Zusammen zeigen sie aber, wann die Stimmung ins Extreme kippt, und genau das sind historisch die Phasen, in denen sich Käufe über die folgenden Jahre am meisten gelohnt haben. Nach Rückgängen von 20 Prozent und mehr lag die Wahrscheinlichkeit, über die nächsten fünf Jahre im Plus zu sein, historisch bei rund 85 bis 90 Prozent.
In der how2invest Academy steht dafür ein Signal-Tool zur Verfügung, das diese Indikatoren laufend auswertet und anzeigt, wann die Schwellen für die drei Kauftranchen erreicht sind. Ein Backtest bis ins Jahr 2000 zeigt, wie die Signale in früheren Krisen ausgefallen wären.
Für wen eignet sich der Ansatz?
Antizyklisches Investieren verlangt Erfahrung und Rückgrat. In einem echten Bärenmarkt wie in der Finanzkrise ist die Stimmung düster, die Nachrichten sind schlecht, und jeder Kauf fühlt sich falsch an. Wer am Anfang steht, fährt mit einem regelmässigen Sparplan besser: Über den Durchschnittskosteneffekt kaufst Du bei tiefen Kursen automatisch mehr Anteile, ganz ohne Timing. Antizyklische Zukäufe sind eine sinnvolle Ergänzung, sobald eine solide Grundstrategie steht.
Einordnung aus der Praxis
Ich bin seit über 25 Jahren an den Finanzmärkten und habe immer wieder dasselbe Muster gesehen: Viele Anleger kaufen in der Euphorie und verkaufen in der Panik. Ich selbst bin ein klassischer Buy-and-Hold-Anleger und halte mein Kernportfolio in jeder Marktphase. Was ich zusätzlich mache, sind regelbasierte Zukäufe, wenn die Märkte deutlich korrigieren. Entscheidend ist dabei nicht der perfekte Zeitpunkt, sondern dass der Plan steht, bevor die Krise kommt.
Mehr dazu hörst Du in der Podcast-Folge 140: Antizyklisch investieren, kaufen, wenn andere Angst haben und in der Podcast-Folge 27: Was ist antizyklisch investieren?
Häufige Fragen zum antizyklischen Investieren
Was bedeutet antizyklisch investieren?
Antizyklisch investieren heisst, gegen die Stimmung der Mehrheit zu handeln: kaufen, wenn die Kurse gefallen sind und viele verkaufen, und zurückhaltend bleiben, wenn die Euphorie gross ist.
Ist antizyklisch investieren Market Timing?
Nicht, wenn es regelbasiert geschieht. Das Kernportfolio bleibt immer investiert; nur eine zusätzliche Reserve wird in festgelegten Tranchen eingesetzt, ohne den Tiefpunkt treffen zu wollen.
Soll ich bei einem Börsencrash verkaufen?
In der Regel nein. Wer verkauft, verpasst häufig die besten Börsentage, die oft kurz nach den schlechtesten folgen. Für langfristig angelegtes Geld ist Investiertbleiben meist die bessere Entscheidung.
Wie oft gibt es Korrekturen an der Börse?
Historisch gibt es Rücksetzer von 5 bis 10 Prozent zwei- bis dreimal pro Jahr, Korrekturen von 10 bis 20 Prozent etwa einmal pro Jahr und Bärenmärkte von über 20 Prozent etwa alle fünf bis sieben Jahre.
Eignet sich antizyklisches Investieren für Einsteiger?
Nur bedingt. Für den Einstieg ist ein regelmässiger Sparplan einfacher und erfolgversprechender. Antizyklische Zukäufe ergänzen eine bestehende Strategie.
Weiterführend
Wie Du eine Anlagestrategie aufbaust, die auch in Krisen trägt, zeigt der Grundlagenartikel Geld anlegen in der Schweiz. In der how2invest Academy lernst Du, Deine Strategie festzulegen, mit ETFs umzusetzen und Marktphasen einzuordnen.
7 Tage kostenlos testen oder zuerst das kostenlose Webinar ansehen.
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Historische Häufigkeiten und Renditen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Stand: Oktober 2026.