Kurz beantwortet: Den richtigen Zeitpunkt zum Investieren kann niemand verlässlich vorhersagen, und der Versuch kostet oft viel Rendite. Wer beim US-Aktienmarkt von 2001 bis 2020 nur die zehn besten Börsentage verpasst hat, hat seine Rendite mehr als halbiert. Gleichzeitig ist das Risiko eines schlechten Einstiegs kleiner als befürchtet: Am Weltaktienmarkt lag ein Anleger seit 1972 im Median nur zwei Tage unter seinem Einstiegskurs. Entscheidend ist die Zeit im Markt, nicht das Timing.
Von Marco Eberle, Finanzplaner mit eidg. Fachausweis. Aktualisiert am 28. Oktober 2026.
Was passiert, wenn Du die besten Börsentage verpasst?
Eine viel zitierte Auswertung des US-Aktienmarkts (S&P 500) über die 20 Jahre von 2001 bis 2020 zeigt, wie teuer schon wenige verpasste Tage sind. In dieser Zeit gab es rund 5’000 Handelstage.
| Szenario | Rendite pro Jahr | Aus 10’000 Franken wurden |
|---|---|---|
| Durchgehend investiert | 7,47 % | rund 42’000 Franken |
| Die 10 besten Tage verpasst | 3,36 % | rund 19’000 Franken |
| Die 20 besten Tage verpasst | 0,69 % | rund 11’500 Franken |
| Die 30 besten Tage verpasst | rund minus 1,5 % | weniger als eingesetzt |
Zehn Tage aus rund 5’000 entscheiden also über mehr als die Hälfte der Rendite. Wer zwischendurch aussteigt, um Verluste zu vermeiden, riskiert genau diese Tage zu verpassen.
Warum die besten Tage so schwer zu erwischen sind
Die stärksten Börsentage liegen fast immer mitten in Krisen, oft nur wenige Tage nach den schlechtesten. Einige Beispiele aus dem S&P 500:
- 13. Oktober 2008, mitten in der Finanzkrise: plus 11,6 Prozent an einem Tag
- 28. Oktober 2008: plus 10,8 Prozent
- 13. März 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie: plus 9,3 Prozent
- 24. März 2020: plus 9,4 Prozent
Genau in solchen Phasen ist die Versuchung am grössten, auszusteigen. Wer verkauft hat, verpasst die Erholung, die meist abrupt und ohne Vorwarnung einsetzt.
Wie lange liegt man am Aktienmarkt wirklich im Minus?
Viele zögern aus Angst, kurz vor einem Einbruch einzusteigen. Eine Untersuchung des Family Office HQ Trust hat für jeden einzelnen Handelstag seit 1972 berechnet, wie lange ein Anleger am Weltaktienmarkt (MSCI All Country World) nach dem Einstieg im Minus geblieben wäre:
| Kennzahl | Erstmals wieder über dem Einstiegskurs | Dauerhaft im Plus |
|---|---|---|
| Median | 2 Tage | rund 1,5 Jahre |
| In 9 von 10 Fällen | höchstens 1 Monat | höchstens rund 9,6 Jahre |
| Nach 3 Monaten | in 95 % der Fälle im Plus | |
| In 99 % der Fälle | höchstens rund 3,3 Jahre |
Es gab Ausnahmen: Wer auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 eingestiegen ist, brauchte über 13 Jahre, um wieder im Plus zu sein. Solche Phasen sind selten, aber sie zeigen, warum ein langer Anlagehorizont und breite Streuung wichtig sind. Zu beachten ist zudem die Teuerung: Nominal wieder auf dem Einstiegsniveau zu sein, heisst noch nicht, die Kaufkraft zurückzuhaben.
Gestaffelt einsteigen: der Durchschnittskosteneffekt
Wer Mühe hat, einen grösseren Betrag auf einmal zu investieren, kann gestaffelt einsteigen. Das folgende Beispiel zeigt einen monatlichen Kauf für je 100 Franken über neun Monate, während der Kurs schwankt:
| Monat | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Kurs in Franken | 100 | 125 | 150 | 125 | 100 | 75 | 50 | 75 | 100 |
| Gekaufte Anteile | 1,00 | 0,80 | 0,67 | 0,80 | 1,00 | 1,33 | 2,00 | 1,33 | 1,00 |
Der Kurs liegt am Ende wieder bei 100 Franken. Du hast 900 Franken investiert und hältst rund 9,9 Anteile im Wert von rund 990 Franken, weil Du bei tiefen Kursen automatisch mehr gekauft hast. Eine Garantie ist das nicht, aber der Durchschnittskosteneffekt nimmt die Last des perfekten Zeitpunkts weg und hilft, emotionale Entscheidungen zu vermeiden.
Was das für Dich bedeutet
- Überhaupt beginnen: Das grösste Risiko ist nicht der falsche Einstieg, sondern gar nie einzusteigen.
- Breit streuen: Ein global diversifiziertes Portfolio hat sich auch nach ungünstigen Einstiegen in den allermeisten Fällen erholt.
- Genügend Zeit mitbringen: Investiere nur Geld, das Du mehrere Jahre nicht brauchst.
- Investiert bleiben: Rückschläge gehören dazu. Wer in der Krise verkauft, verpasst die besten Tage.
- Zusätzliches Geld nach Regeln einsetzen: Wer eine Reserve für Kaufgelegenheiten hält, sollte vorher festlegen, wann er sie investiert.
Einordnung aus der Praxis
Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt höre ich in fast jedem Gespräch, besonders wenn die Börsen nahe ihren Höchstständen liegen oder gerade unruhig sind. Mein Eindruck: Viele überschätzen das Risiko eines falschen Einstiegs und unterschätzen, wie viel Geduld langfristiges Investieren verlangt. Wer im Frühling 2025 kurz vor dem Kurseinbruch investiert hat, musste zuerst einmal 20 Prozent Minus aushalten. Wer dabeigeblieben ist, war wenige Monate später wieder im Plus.
Für alle, die zusätzliches Geld gezielt in schwachen Phasen investieren möchten, gibt es in der how2invest Academy einen Einstiegssignal-Rechner. Das Live-Tool zeigt anhand mehrerer Indikatoren, wann ein Einstieg historisch besonders interessant war. Mehr zum regelbasierten Vorgehen im Artikel Antizyklisch investieren.
Mehr dazu hörst Du in den Podcast-Folgen 5: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um in Aktien zu investieren?, 8: Das passiert, wenn Du die besten Börsentage verpasst und 139: Wie lange liegt man am Aktienmarkt wirklich im Minus?
Häufige Fragen zum richtigen Zeitpunkt
Wann ist der beste Zeitpunkt, um in Aktien zu investieren?
Für langfristiges Geld so früh wie möglich. Den optimalen Zeitpunkt kann niemand verlässlich vorhersagen, und die Zeit im Markt ist wichtiger als der Einstiegskurs.
Soll ich warten, bis die Kurse fallen?
In der Regel nicht. Wer wartet, verpasst oft weitere Kursgewinne und steigt am Ende zu höheren Kursen ein oder gar nicht. Wer unsicher ist, kann gestaffelt investieren.
Was passiert, wenn ich die besten Börsentage verpasse?
Beim S&P 500 sank die Rendite von 2001 bis 2020 von 7,47 auf 3,36 Prozent pro Jahr, wenn man nur die zehn besten Tage verpasste. Bei 30 verpassten Tagen war sie negativ.
Wie lange dauert es, bis ich nach einem Einstieg wieder im Plus bin?
Am Weltaktienmarkt seit 1972 im Median nur zwei Tage, in 95 Prozent der Fälle höchstens drei Monate. Dauerhaft im Plus war man im Median nach rund eineinhalb Jahren.
Ist eine Einmalanlage oder ein Sparplan besser?
Statistisch ist eine sofortige Einmalanlage meist etwas besser, weil das Geld länger investiert ist. Ein gestaffelter Einstieg reduziert dafür das Risiko eines ungünstigen Zeitpunkts und fällt psychologisch oft leichter.
Weiterführend
Wie Du einen monatlichen Sparplan aufsetzt, erklärt der Artikel ETF-Sparplan. Welche psychologischen Fallen beim Einstieg lauern, zeigt der Artikel Anlegerfehler und psychologische Fallen. In der how2invest Academy lernst Du, eine Strategie aufzubauen, die Du in jeder Marktphase durchhältst.
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Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Studienergebnisse beziehen sich auf vergangene Zeiträume; vergangene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Stand: Oktober 2026.